Konzert Purzelnde Töne bei den Zürcher Werkjahrpreisträgern Zürich
Theater Rigiblick
Der Notenwender runzelt die Stirn und schaut ebenso konzentriert in die grosse A2-Partitur wie der Musiker selbst. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die musikalische Struktur komplex ist. Und tatsächlich: Der Komponist Michael Pelzel – mit 42000 Franken ausgezeichneter Werkjahrpreisträger der Stadt Zürich – legt in seiner «Corrugated Passacaille» verschiedene rhythmische und harmonische Raster so übereinander, dass deren Strukturen beinahe bis zur Unkenntlichkeit verwischt werden. Es stürzen die Raster kaleidoskopartig ineinander, es herrscht eine Turbulenz, in der die Noten nur so durcheinanderpurzeln. Und dann fiept das Akkordeon. Schüchtern und leise, wie blossgestellt erklingt er. Zu sich findet dieser Ton nicht – mit einem Schrei wird er von den anderen Instrumenten zerfetzt. Dasselbe gilt auch für Pelzels «Haikus»: Die Musik kommt hier nie zu sich und zu einem Ende. Immer ist sie Fragment eines an sich schon Fragmentierten, und immer bleibt sie deshalb unter Hochspannung. Die daraus entspringende klangliche Hyperaktivität mag man für den Ausdruck innerer Getriebenheit, für eine Stillstandsphobie oder für strukturelle Hysterie halten – Pelzels Werke haben die Auszeichnung durch die Stadt allemal verdient. Das Ensemble Tzara, der andere Werkpreisträger dieses Abends, der dem ersten musikalisch die Ehre erweist, spielt diese zerschnipselten Linien und Kolibrifrequenzen clever und facettenreich aus. Die Musiker musizieren differenziert, leise und akkurat – und hauen im richtigen Augenblick so heftig hinein, dass einem die Spucke wegbleibt. Der wunderbare Flötist Paolo Vignaroli wiederum setzt seine Spucke beispielsweise dazu ein, um in Pelzels «Psalmodie volubile» zu blubbern, zu sprudeln, zu flüstern und zu fauchen.
Tom Hellat (https://www.ensembletzara.ch/sites/default/files/2020-06/ta_20130124_Werkjahrskonzert.pdf)
Konzert Purzelnde Töne bei den Zürcher Werkjahrpreisträgern Zürich
Theater Rigiblick
Der Notenwender runzelt die Stirn und schaut ebenso konzentriert in die grosse A2-Partitur wie der Musiker selbst. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die musikalische Struktur komplex ist. Und tatsächlich: Der Komponist Michael Pelzel – mit 42000 Franken ausgezeichneter Werkjahrpreisträger der Stadt Zürich – legt in seiner «Corrugated Passacaille» verschiedene rhythmische und harmonische Raster so übereinander, dass deren Strukturen beinahe bis zur Unkenntlichkeit verwischt werden. Es stürzen die Raster kaleidoskopartig ineinander, es herrscht eine Turbulenz, in der die Noten nur so durcheinanderpurzeln. Und dann fiept das Akkordeon. Schüchtern und leise, wie blossgestellt erklingt er. Zu sich findet dieser Ton nicht – mit einem Schrei wird er von den anderen Instrumenten zerfetzt. Dasselbe gilt auch für Pelzels «Haikus»: Die Musik kommt hier nie zu sich und zu einem Ende. Immer ist sie Fragment eines an sich schon Fragmentierten, und immer bleibt sie deshalb unter Hochspannung. Die daraus entspringende klangliche Hyperaktivität mag man für den Ausdruck innerer Getriebenheit, für eine Stillstandsphobie oder für strukturelle Hysterie halten – Pelzels Werke haben die Auszeichnung durch die Stadt allemal verdient. Das Ensemble Tzara, der andere Werkpreisträger dieses Abends, der dem ersten musikalisch die Ehre erweist, spielt diese zerschnipselten Linien und Kolibrifrequenzen clever und facettenreich aus. Die Musiker musizieren differenziert, leise und akkurat – und hauen im richtigen Augenblick so heftig hinein, dass einem die Spucke wegbleibt. Der wunderbare Flötist Paolo Vignaroli wiederum setzt seine Spucke beispielsweise dazu ein, um in Pelzels «Psalmodie volubile» zu blubbern, zu sprudeln, zu flüstern und zu fauchen.
Tom Hellat (https://www.ensembletzara.ch/sites/default/files/2020-06/ta_20130124_Werkjahrskonzert.pdf)
