Lieber Aribert Reimann, lieber Michael Pelzel, liebe Anwesende,

es ist mir eine grosse Ehre, heute eine Laudatio auf einen hochgeschätzten jungenKollegen halten zu dürfen. Das Loben ist ja eine Tätigkeit, die in unserer Branche, vielleicht in der Kunst allgemein in Verruf geraten ist. Das kritische Bewusstsein ist trivial geworden. Jeder darf nörgeln. Jede RTL-Vorabend-Dokumentationssendung zeigt vor allem, wo das Essen nicht schmeckt und wer was wann wie falsch gemacht hat. Erinnert nicht die Art und Weise, in der über

Neue Musik gesprochen wird, fatal an solche Fernsehformate? Gibt es nicht zahllose Komponisten, die alles, was sie nicht selbst geschrieben haben, für inakzeptabel und abstossend halten? Journalisten, die schon, bevor sie den ersten Ton hören, wissen, dass alles schon mal dagewesen ist? Musiker, die alles gleich spielen, weil sie eh kein Vertrauen mehr in die Partituren haben?

Wie konnte es soweit kommen? Warum gilt die Begeisterung als peinlich? Natürlich war schon Hanslick ein grosser Nörgler, und seine Urteile sind oft vollkommen überzogen, ungerechtfertigt und polemisch. Aber sein Hass auf Wagner ist erklärbar in einer Kultur, in der Wagner die grösste Begeisterung ausgelöst hat. Die Härte der Kritik steht hier in direktem Zusammenhang zur Beliebtheit: ein wenig bekannter Komponist wäre von Hanslick niemals durch so ausführliche Abneigung gewürdigt worden. Und ohnehin richtet sich ein grosser Teil der Kritik gegen das Publikum und nicht gegen die Kunstwerke.

Auf die Neue Musik übertragen bedeutet das: solange es keine Fans gibt, läuft kritisches Bewusstsein ins Leere. Beides, die Begeisterung und das Abwägen, gehört zusammen. Kritisieren ohne Liebe für die Sache führt in die Trostlosigkeit. Neue Musik kann intellektuell, unsinnlich und hässlich sein. Aber nur auf der Grundlage der Begeisterung für das Phänomen des Intellektuellen, Unsinnlichen und Hässlichen, und nicht, indem man sich ihr auf intellektuelle, unsinnliche und hässliche Weise nähert. Wenn dies begriffen ist, ist es selbstverständlich möglich, die Musik zu kritisieren oder abzulehnen. Aber so, wie ein Fan ablehnt: ohne das Objekt seiner Liebe zu verraten.

Michael Pelzel gehört zu den begeisterungsfähigsten Komponisten, die ich kenne. Er hat die Neugier, die ihn befähigt, sich die verschiedensten Dinge, Stile und Haltungen vertraut zu machen. Er ist in der Lage, Einflüsse in etwas Persönliches zu verwandeln.

Vor allem gibt er sich nie mit Verfahrensweisen zufrieden. In seiner Musik ist immer etwas Rauschhaftes, ein dschungelhafter Wuchs, ein riesiger Appetit auf Klänge und grosse musikalische Bögen. Der traumhafte Sog, von dem Pelzel auf der Einladungskarte schreibt, wird wirklich eingelöst. Die Werke sind nicht massvoll, der Aufwand ist beträchtlich, die spieltechnischen Anforderungen immens. Das geschieht alles nicht mit dem grossen Pinsel, also einem vergröberten Raster, das nur auf die grosse Form zielt. Stattdessen sind die Werke von Pelzel minutiös durchgearbeitet, von einem unglaublichen Ideenreichtum, fein gezeichnet. Aber als Feinzeichnungen ins Monumentale vergrössert. Man kann diesen Werken sehr nahe kommen: alle Details halten der Überprüfung stand, alles ist durchgehört, durchgearbeitet.

Man scheut sich oft, den Begriff Ausdruck zu verwenden, weil suggeriert wird, etwas ausserhalb der Musik liegendes solle ausgedrückt werden. Bei Pelzel ist es genau umgekehrt: alle Phänomene sind vom Espressivo durchdrungen, das Virtuose genau so wie die Klangfarben. Die espressive Grundhaltung hält diesen musikalischen Kosmos mit seiner Vielfalt zusammen. Es gehört Mut dazu, sich auf einzelnes zu beschränken. Es gehört aber mindestens genau so viel Mut dazu, sich nicht zu beschränken. Das Werk „sentiers tortueux“, das wir gleich hören werden, treibt auf allen Ebenen einen ungeheuren Aufwand. Sich in diesem Aufwand nicht zu verlieren, sondern als Komponist in diesem Sog eine klare Linie und einen persönlichen Klang zu behalten, das ist grosse Kunst.

Lieber Aribert Reimann, lieber Michael Pelzel, liebe Anwesende,

es ist mir eine grosse Ehre, heute eine Laudatio auf einen hochgeschätzten jungenKollegen halten zu dürfen. Das Loben ist ja eine Tätigkeit, die in unserer Branche, vielleicht in der Kunst allgemein in Verruf geraten ist. Das kritische Bewusstsein ist trivial geworden. Jeder darf nörgeln. Jede RTL-Vorabend-Dokumentationssendung zeigt vor allem, wo das Essen nicht schmeckt und wer was wann wie falsch gemacht hat. Erinnert nicht die Art und Weise, in der über

Neue Musik gesprochen wird, fatal an solche Fernsehformate? Gibt es nicht zahllose Komponisten, die alles, was sie nicht selbst geschrieben haben, für inakzeptabel und abstossend halten? Journalisten, die schon, bevor sie den ersten Ton hören, wissen, dass alles schon mal dagewesen ist? Musiker, die alles gleich spielen, weil sie eh kein Vertrauen mehr in die Partituren haben?

Wie konnte es soweit kommen? Warum gilt die Begeisterung als peinlich? Natürlich war schon Hanslick ein grosser Nörgler, und seine Urteile sind oft vollkommen überzogen, ungerechtfertigt und polemisch. Aber sein Hass auf Wagner ist erklärbar in einer Kultur, in der Wagner die grösste Begeisterung ausgelöst hat. Die Härte der Kritik steht hier in direktem Zusammenhang zur Beliebtheit: ein wenig bekannter Komponist wäre von Hanslick niemals durch so ausführliche Abneigung gewürdigt worden. Und ohnehin richtet sich ein grosser Teil der Kritik gegen das Publikum und nicht gegen die Kunstwerke.

Auf die Neue Musik übertragen bedeutet das: solange es keine Fans gibt, läuft kritisches Bewusstsein ins Leere. Beides, die Begeisterung und das Abwägen, gehört zusammen. Kritisieren ohne Liebe für die Sache führt in die Trostlosigkeit. Neue Musik kann intellektuell, unsinnlich und hässlich sein. Aber nur auf der Grundlage der Begeisterung für das Phänomen des Intellektuellen, Unsinnlichen und Hässlichen, und nicht, indem man sich ihr auf intellektuelle, unsinnliche und hässliche Weise nähert. Wenn dies begriffen ist, ist es selbstverständlich möglich, die Musik zu kritisieren oder abzulehnen. Aber so, wie ein Fan ablehnt: ohne das Objekt seiner Liebe zu verraten.

Michael Pelzel gehört zu den begeisterungsfähigsten Komponisten, die ich kenne. Er hat die Neugier, die ihn befähigt, sich die verschiedensten Dinge, Stile und Haltungen vertraut zu machen. Er ist in der Lage, Einflüsse in etwas Persönliches zu verwandeln.

Vor allem gibt er sich nie mit Verfahrensweisen zufrieden. In seiner Musik ist immer etwas Rauschhaftes, ein dschungelhafter Wuchs, ein riesiger Appetit auf Klänge und grosse musikalische Bögen. Der traumhafte Sog, von dem Pelzel auf der Einladungskarte schreibt, wird wirklich eingelöst. Die Werke sind nicht massvoll, der Aufwand ist beträchtlich, die spieltechnischen Anforderungen immens. Das geschieht alles nicht mit dem grossen Pinsel, also einem vergröberten Raster, das nur auf die grosse Form zielt. Stattdessen sind die Werke von Pelzel minutiös durchgearbeitet, von einem unglaublichen Ideenreichtum, fein gezeichnet. Aber als Feinzeichnungen ins Monumentale vergrössert. Man kann diesen Werken sehr nahe kommen: alle Details halten der Überprüfung stand, alles ist durchgehört, durchgearbeitet.

Man scheut sich oft, den Begriff Ausdruck zu verwenden, weil suggeriert wird, etwas ausserhalb der Musik liegendes solle ausgedrückt werden. Bei Pelzel ist es genau umgekehrt: alle Phänomene sind vom Espressivo durchdrungen, das Virtuose genau so wie die Klangfarben. Die espressive Grundhaltung hält diesen musikalischen Kosmos mit seiner Vielfalt zusammen. Es gehört Mut dazu, sich auf einzelnes zu beschränken. Es gehört aber mindestens genau so viel Mut dazu, sich nicht zu beschränken. Das Werk „sentiers tortueux“, das wir gleich hören werden, treibt auf allen Ebenen einen ungeheuren Aufwand. Sich in diesem Aufwand nicht zu verlieren, sondern als Komponist in diesem Sog eine klare Linie und einen persönlichen Klang zu behalten, das ist grosse Kunst.