Musikalische Visionen zwischen Alptraum und Erlösung
Neben Andrew Lloyd Webbers Requiem bringt der Teamchor Jona Anfang November die Komposition «Dreamland» von Michael Pelzel zur Uraufführung. Als Vertreter der Neuen Musik entwickelt der junge Komponist aus Rapperswil-Jona gerne neuartige Techniken, mit denen er traditionelles Material verfremdet.
Experimentierfreude prägt Michael Pelzels kompositorisches Schaffen von jeher. Dabei geht es dem vielseitigen Musiker absolut nicht darum, die Musik neu zu erfinden. «Ich schöpfe gerne aus dem traditionellen Fundus, suche aber durch Verfremdungen neuartige, überraschende Wirkungen zu erzielen.» Der 30-Jährige sieht sich deshalb unter den Vertretern der Neuen Musik nicht unter den Exzentrikern. Ebenso wenig sind von ihm aber eingängige Melodien oder Rhythmen zu erwarten. Auch nicht in «Dreamland», das er im Auftrag des Teamchors Jona komponierte und das am 1. November, neben der Aufführung von Andrew Lloyd Webbers Requiem, uraufgeführt wird.
Einfache Technik – verblüffende Wirkung
Michael Pelzel war sich von Anfang an bewusst, dass er dieses Werk für einen Laienchor schrieb. Für ihn, der sich gewohnt ist, für professionelle Ensembles wie etwa das Klangforum Wien oder das Collegium Novum Zürich zu komponieren, keine leichte Aufgabe: «Das Werk sollte relativ einfach umzusetzen sein und trotzdem meine Handschrift tragen.» Da er jedoch selbst mehrere Jahre im Teamchor gesungen hat, weiss er, was für diesen machbar ist und wo er mit kleinen Erleichterungen die Sängerinnen und Sänger entlasten kann. So hat er sich beispielsweise rhythmisch vor allem auf Viertel- und Achtelnoten – oft auch punktierte – und einige Triolen konzentriert. Dafür arbeitet er immer wieder mit einer Art Überblendungstechnik, indem er den Chor in mehrere Stimmen unterteilt und diese verschiedene Textfrequenzen in unterschiedlichem Rhythmus sprechen lässt, wobei die einen sich langsam vom Piano ins Forte steigern, die anderen sich vom Forte ins Piano verlieren. «Eine simple Technik mit einem komplexen Effekt», meint der Komponist. Die Tonhöhe gibt er dabei nur ungefähr vor, sodass der Chor diesbezüglich eine gewisse Freiheit hat. Daneben setzt er immer wieder auf Akkorde, innerhalb derer er mit Glissandi (gleitendes Verschieben der Tonhöhen) Bewegung erzeugt.
Wie ein riesiges Uhrwerk
Als textliche Grundlage hat Michael Pelzel ein Gedicht von Edgar Allan Poe gewählt, ein Autor, den er sehr bewundert. Der amerikanische Schriftsteller, der von 1809 bis 1849 lebte, war mit seinen zumeist düsteren, grusligen Erzählungen wegweisend für die fantastische und die Kriminalliteratur. «Poes Alptraum-Szenarien sind sehr aufwühlend und enthalten immer wieder versteckte Anspielungen auf den Tod.» Wie einen Refrain lässt Michael Pelzel etwa das Zitat «Out of space, out of time» immer wieder wiederholen und unterstreicht damit die Vision eines Daseins jenseits des irdischen. So schlägt der Komponist den Bogen zum Requiem von Andrew Lloyd Webber und hat trotzdem ein autonomes Werk geschrieben, das sich auch in einem anderen Kontext aufführen lässt.
Die unheilvolle Stimmung betont Michael Pelzel durch die hastig vorwärtsdrängenden Sprechchöre, welche Hilflosigkeit und Schrecken suggerieren sollen. «Wie ein Alptraum, der immer weiter geht, ohne dass man ihm entfliehen kann.» Klingen soll dies laut dem Komponisten wie ein riesiges, unerbittlich tickendes Uhrwerk. Was vom Chor mit der gebotenen Diskretion, aber gleichzeitig mit grosser Intensität zum Ausdruck gebracht werden muss.
Ein ganz ungewohntes Klangbild
Die Gesangssolisten, die im Requiem eine tragende Rolle spielen, werden in «Dreamland» nicht eingesetzt. Auch von der vorhandenen Orchesterbesetzung macht Michael Pelzel nicht vollständigen Gebrauch, so fokussiert er sich beispielsweise ausschliesslich auf die tiefen Streicher – Celli und Kontrabässe – und verstärkt so den Basseffekt. Holzbläser und Hörner bilden dazu einen Gegenpol.
Wichtig für den Komponisten ist die enge Zusammenarbeit mit dem Teamchor. Dieser habe punkto Melodik und Rhythmik zwar sicher schon viel schwierigere Werke gemeistert, meint Michael Pelzel, ganz ungewohnt werde für die Sängerinnen und Sänger jedoch das von ihm geschaffene Klangbild sein. In den nächsten Wochen wird er darum punktuell den Proben beiwohnen und gemeinsam mit Chorleiter Max Aeberli die gewünschten Akzente in der Ausgestaltung seiner Partitur setzen. Und natürlich erwartet er den 1. November mit Spannung, auch wenn aus verschiedenen Gründen erst ein Teil des Werks zur Uraufführung gelangt. Bei diesem handle es sich aber um einen gewichtigen, in sich geschlossenen Teil, wie Michael Pelzel versichert. Und dem Publikum soll auch nichts vorenthalten werden: Die Aufführung der gesamten Komposition durch den Teamchor wird zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden. (Jacqueline Olivier)
Konzert des Teamchors Jona: Andrew Lloyd Webber, «Requiem», Michael Pelzel, «Dreamland». Samstag, 1. November, 20 Uhr, Sonntag, 2., und Sonntag 9. November, 17 Uhr in der Pfarrkirche Jona. Vorverkauf bei allen Verkaufsstellen des Ticketcorner, Telefon 0900 800 800 (1.19 Franken/Minute), www.ticketcorner.ch. Klingende Einführung mit Solisten, Chor und Orchester am Sonntag, 26. Oktober, 16 Uhr, im Kirchgemeindehaus Jona. Weitere Informationen: www.teamchor.ch
Organist, Pianist und Komponist
Der 1978 geborene Michael Pelzel ist in Rapperswil geboren und aufgewachsen. Nach der an der Kantonsschule Wattwil erworbenen Matura studierte er an der Musikhochschule Luzern Orgel, Klavier, Komposition und Musikpädagogik. Sowohl für Orgel als auch für Klavier besitzt er das Lehr- und das Konzertdiplom. Diesen Juli hat er in Basel sein Studium in Musiktheorie und Komposition abgeschlossen. Zur Zeit absolviert er in Stuttgart und Berlin weitere postgraduate Studien in den Fächern Orgel und Komposition, die er nächsten Sommer abschliessen wird.
Michael Pelzel komponiert regelmässig im Auftrag für diverse, mehrheitlich professionelle Ensembles Kammermusik-, Orchester- und Chorwerke. Seit 2007 nimmt er eine 50-Prozent-Anstellung als Organist der Reformierten Kirche Stäfa wahr, zuvor war er als Organist an der Katholischen Kirche Wädenswil tätig. Auch begleitet er immer wieder Chorkonzerte am Klavier oder an der Orgel und tritt gelegentlich als Konzertsolist auf.
Für sein kompositorisches Werk durfte der junge Musiker bereits etliche Auszeichnungen und Preise entgegennehmen, unter anderem erhielt er 2006 von der Kulturstiftung St. Gallen einen Werkbeitrag für seine «Danses pétrifiées» und war einer von zwei Preisträgern des Kompositionswettbewerbs der Stiftung Christoph Delz. Letztes Jahr gewann er den ersten Preis des internationalen Kompositionswettbewerbs «Sun River Prize» in Chengdu (China). (jo)
Bildlegende:
Michael Pelzel hat für den Teamchor die Komposition „Dreamland“ geschrieben, nach einem Gedicht von Edgar Allan Poe. Foto: Jacqueline Olivier
Musikalische Visionen zwischen Alptraum und Erlösung
Neben Andrew Lloyd Webbers Requiem bringt der Teamchor Jona Anfang November die Komposition «Dreamland» von Michael Pelzel zur Uraufführung. Als Vertreter der Neuen Musik entwickelt der junge Komponist aus Rapperswil-Jona gerne neuartige Techniken, mit denen er traditionelles Material verfremdet.
Experimentierfreude prägt Michael Pelzels kompositorisches Schaffen von jeher. Dabei geht es dem vielseitigen Musiker absolut nicht darum, die Musik neu zu erfinden. «Ich schöpfe gerne aus dem traditionellen Fundus, suche aber durch Verfremdungen neuartige, überraschende Wirkungen zu erzielen.» Der 30-Jährige sieht sich deshalb unter den Vertretern der Neuen Musik nicht unter den Exzentrikern. Ebenso wenig sind von ihm aber eingängige Melodien oder Rhythmen zu erwarten. Auch nicht in «Dreamland», das er im Auftrag des Teamchors Jona komponierte und das am 1. November, neben der Aufführung von Andrew Lloyd Webbers Requiem, uraufgeführt wird.
Einfache Technik – verblüffende Wirkung
Michael Pelzel war sich von Anfang an bewusst, dass er dieses Werk für einen Laienchor schrieb. Für ihn, der sich gewohnt ist, für professionelle Ensembles wie etwa das Klangforum Wien oder das Collegium Novum Zürich zu komponieren, keine leichte Aufgabe: «Das Werk sollte relativ einfach umzusetzen sein und trotzdem meine Handschrift tragen.» Da er jedoch selbst mehrere Jahre im Teamchor gesungen hat, weiss er, was für diesen machbar ist und wo er mit kleinen Erleichterungen die Sängerinnen und Sänger entlasten kann. So hat er sich beispielsweise rhythmisch vor allem auf Viertel- und Achtelnoten – oft auch punktierte – und einige Triolen konzentriert. Dafür arbeitet er immer wieder mit einer Art Überblendungstechnik, indem er den Chor in mehrere Stimmen unterteilt und diese verschiedene Textfrequenzen in unterschiedlichem Rhythmus sprechen lässt, wobei die einen sich langsam vom Piano ins Forte steigern, die anderen sich vom Forte ins Piano verlieren. «Eine simple Technik mit einem komplexen Effekt», meint der Komponist. Die Tonhöhe gibt er dabei nur ungefähr vor, sodass der Chor diesbezüglich eine gewisse Freiheit hat. Daneben setzt er immer wieder auf Akkorde, innerhalb derer er mit Glissandi (gleitendes Verschieben der Tonhöhen) Bewegung erzeugt.
Wie ein riesiges Uhrwerk
Als textliche Grundlage hat Michael Pelzel ein Gedicht von Edgar Allan Poe gewählt, ein Autor, den er sehr bewundert. Der amerikanische Schriftsteller, der von 1809 bis 1849 lebte, war mit seinen zumeist düsteren, grusligen Erzählungen wegweisend für die fantastische und die Kriminalliteratur. «Poes Alptraum-Szenarien sind sehr aufwühlend und enthalten immer wieder versteckte Anspielungen auf den Tod.» Wie einen Refrain lässt Michael Pelzel etwa das Zitat «Out of space, out of time» immer wieder wiederholen und unterstreicht damit die Vision eines Daseins jenseits des irdischen. So schlägt der Komponist den Bogen zum Requiem von Andrew Lloyd Webber und hat trotzdem ein autonomes Werk geschrieben, das sich auch in einem anderen Kontext aufführen lässt.
Die unheilvolle Stimmung betont Michael Pelzel durch die hastig vorwärtsdrängenden Sprechchöre, welche Hilflosigkeit und Schrecken suggerieren sollen. «Wie ein Alptraum, der immer weiter geht, ohne dass man ihm entfliehen kann.» Klingen soll dies laut dem Komponisten wie ein riesiges, unerbittlich tickendes Uhrwerk. Was vom Chor mit der gebotenen Diskretion, aber gleichzeitig mit grosser Intensität zum Ausdruck gebracht werden muss.
Ein ganz ungewohntes Klangbild
Die Gesangssolisten, die im Requiem eine tragende Rolle spielen, werden in «Dreamland» nicht eingesetzt. Auch von der vorhandenen Orchesterbesetzung macht Michael Pelzel nicht vollständigen Gebrauch, so fokussiert er sich beispielsweise ausschliesslich auf die tiefen Streicher – Celli und Kontrabässe – und verstärkt so den Basseffekt. Holzbläser und Hörner bilden dazu einen Gegenpol.
Wichtig für den Komponisten ist die enge Zusammenarbeit mit dem Teamchor. Dieser habe punkto Melodik und Rhythmik zwar sicher schon viel schwierigere Werke gemeistert, meint Michael Pelzel, ganz ungewohnt werde für die Sängerinnen und Sänger jedoch das von ihm geschaffene Klangbild sein. In den nächsten Wochen wird er darum punktuell den Proben beiwohnen und gemeinsam mit Chorleiter Max Aeberli die gewünschten Akzente in der Ausgestaltung seiner Partitur setzen. Und natürlich erwartet er den 1. November mit Spannung, auch wenn aus verschiedenen Gründen erst ein Teil des Werks zur Uraufführung gelangt. Bei diesem handle es sich aber um einen gewichtigen, in sich geschlossenen Teil, wie Michael Pelzel versichert. Und dem Publikum soll auch nichts vorenthalten werden: Die Aufführung der gesamten Komposition durch den Teamchor wird zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden. (Jacqueline Olivier)
Konzert des Teamchors Jona: Andrew Lloyd Webber, «Requiem», Michael Pelzel, «Dreamland». Samstag, 1. November, 20 Uhr, Sonntag, 2., und Sonntag 9. November, 17 Uhr in der Pfarrkirche Jona. Vorverkauf bei allen Verkaufsstellen des Ticketcorner, Telefon 0900 800 800 (1.19 Franken/Minute), www.ticketcorner.ch. Klingende Einführung mit Solisten, Chor und Orchester am Sonntag, 26. Oktober, 16 Uhr, im Kirchgemeindehaus Jona. Weitere Informationen: www.teamchor.ch
Organist, Pianist und Komponist
Der 1978 geborene Michael Pelzel ist in Rapperswil geboren und aufgewachsen. Nach der an der Kantonsschule Wattwil erworbenen Matura studierte er an der Musikhochschule Luzern Orgel, Klavier, Komposition und Musikpädagogik. Sowohl für Orgel als auch für Klavier besitzt er das Lehr- und das Konzertdiplom. Diesen Juli hat er in Basel sein Studium in Musiktheorie und Komposition abgeschlossen. Zur Zeit absolviert er in Stuttgart und Berlin weitere postgraduate Studien in den Fächern Orgel und Komposition, die er nächsten Sommer abschliessen wird.
Michael Pelzel komponiert regelmässig im Auftrag für diverse, mehrheitlich professionelle Ensembles Kammermusik-, Orchester- und Chorwerke. Seit 2007 nimmt er eine 50-Prozent-Anstellung als Organist der Reformierten Kirche Stäfa wahr, zuvor war er als Organist an der Katholischen Kirche Wädenswil tätig. Auch begleitet er immer wieder Chorkonzerte am Klavier oder an der Orgel und tritt gelegentlich als Konzertsolist auf.
Für sein kompositorisches Werk durfte der junge Musiker bereits etliche Auszeichnungen und Preise entgegennehmen, unter anderem erhielt er 2006 von der Kulturstiftung St. Gallen einen Werkbeitrag für seine «Danses pétrifiées» und war einer von zwei Preisträgern des Kompositionswettbewerbs der Stiftung Christoph Delz. Letztes Jahr gewann er den ersten Preis des internationalen Kompositionswettbewerbs «Sun River Prize» in Chengdu (China). (jo)
Bildlegende:
Michael Pelzel hat für den Teamchor die Komposition „Dreamland“ geschrieben, nach einem Gedicht von Edgar Allan Poe. Foto: Jacqueline Olivier
