Wort und Klang bekamen eine ungeheuere Wirkung

1.01.2020 05:30,

Matinee zum Thema „Schubert und die Moderne – Ein Dialog“ in der Sammlung
Domnick auf der Oberensinger Höhe

Wort und Klang bekamen eine ungeheuere Wirkung – Nürtinger Zeitung 21.01.20

Mit einem gekonnt gestalteten Programm hat das Duo Martin Wistinghausen (Bass) und Michael Pelzel (Klavier) am Sonntag in der Sammlung Domnick ein großes Publikum begeistert. Die Matinee stand unter dem Titel „Schubert und die Moderne – Ein Dialog“. Die Musiker haben Franz Schuberts Lieder und Neue Musik verbunden. In diesem Kontext gingen Alte und Neue Musik eine spannende Symbiose ein. „Man hört beides anders und neu“, sagte eine Konzertbesucherin. Das Konzert reihte sich in das Jahresmotto der Sammlung Domnick „unvergänglich schön“ ein. Dazu werde es die unterschiedlichsten Veranstaltungen geben, kündigte Sammlungsleiterin Vera Romeu an. Zugegeben: das Programm war gewagt. Schuberts romantische Lieder mit Neuer Musik in Dialog zu bringen, setzt eine sichere musikalische Intuition voraus. Und diese Intuition, dieses Gefühl für das „unvergänglich Schöne“ haben der Sänger Martin Wistinghausen und Pianist Michael Pelzel. Beide sind international renommierte Künstler, beide treten gleichermaßen für Alte und Neue Musik ein, beide sind gefragte Komponisten. Zuletzt fand in der Zürcher Oper die Premiere des Werks „Last Call“ von Michael Pelzel statt; das Opernhaus hatte den Kompositionsauftrag erteilt. Martin Wistinghausen singt auf Opernbühnen und in Kirchen die großen Oratorien. Beiden ist es ein Anliegen, dem Publikum Alte und Neue Musik zu vermitteln.

Schuberts Lieder, die den Auftakt und den Schluss des Konzerts bildeten, erklangen in der Akustik der Villa Domnick wundervoll. Die tiefe und sonore Bassstimme von Martin Wistinghausen entfaltete eine bewegende Dramatik. Der lyrische Text „Der Sieg“ von Johann Mayerhofer, der eng mit Schubert befreundet war, bekam geheimnisvolle Facetten. Jede Silbe, jedes Wort hatte Gewicht. Pelzel ließ den Klavierpart virtuos und emotional aufgeladen erklingen. Die Interpretation der Wellen im Lied „Auf der Donau“ erfüllten den Raum mit Bewegung. Am Ende des Konzerts ließen „Wanderers Nachtlieder“ von Johann Wolfgang von Goethe leicht erschaudern. Der müde Wanderer, der mit Goethe gleichgesetzt wird, sehnt sich nach Frieden. Die ruhige und souveräne Stimme Wistinghausens begeisterte. Der Klavierpart wurde mit schöner Empathie gestaltet. Die Schubert-Lieder klangen am Ende des Konzerts ganz neu. Nach den zeitgenössischen Kompositionen zum Thema „De Profundis“ fühlte sich die seelische Dimension
der Schubert Lieder intensiver an.

Schuberts Lieder dienten als Klammer für Werke der Neuen Musik, in denen es um die Conditio Humana ging. „De Profundis“, „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir. Herr, höre meine Stimme!“, heißt es in Psalm 130. Der Komponist Jan Kopp, der zum Konzert gekommen war, hat ein „De Profundis“ komponiert. Eine moderne Variante des Psalms erklang. Sänger Wistinghausen hatte seine Stimme eingespielt und sang zur Einspielung. Daraus entwickelte sich eine Art Echo, eine Art Schatten, die die menschliche Stimme verdichtete. Das Wort und der Klang bekamen in dieser Doppelung eine ungeheure Wirkung.

Michael Pelzel spielte anschließend eine Improvisation zu „De Profundis“. Er beugte sich in den Resonanzkörper des Flügels hinein, zupfte die Saiten und schlug sie an. Zart und unheimlich, dumpf und glitzernd ließ er das Klavier klingen. Das introvertierte Stück berührte die Zuhörer. Dem fügte Wistinghausen eine eigene Komposition „De Profundis“ für Stimme, Shruti-Box und Elektronik mit dem gleichnamigen Text von Georg Trakl hinzu. Die bleierne Trauer und die Ödnis der Vergänglichkeit von Trakls Text spitzte sich in Wistinghausens eindringliche Musik zu. Gegen Krieg spielte Michael Pelzel mit dem Klavierwerk „Wichita Vortex Sutra“ von Philipp Glass an. Es klang wie feierliches Glockengeläut, bewegt und ungeheuer dynamisch. Und wurde ruhig und leise wie ein Fließen, das sich schwingend auflöst. Der sehr differenzierte Anschlag Pelzels machte die Musik so transparent und erlebnisreich.

Wistinghausen bot eine sehr experimentelle und spannungsgeladene Interpretation von „Shift 3 – nowhere near“ von Erich Herrmann. Die Spannung wurde durch das darauffolgende folgende Klavierstück „Rain Tree Sketsch II: In Memoriam Olivier Messiaen“ von Toru Takemitsu gelöst. Pelzel gestaltete es sensibel und differenziert. Er gab der großen Stille, die in Takemitsus Werke liegt, einen feinen Klang. Anschließend kehrte das Duo zu Schuberts Lieder zurück und schloss damit den Kreis. Die Matinee war anregend: noch lange blieben die Zuhörer im Gespräch mit den Musikern stehen.

Wort und Klang bekamen eine ungeheuere Wirkung

1.01.2020 05:30,

Matinee zum Thema „Schubert und die Moderne – Ein Dialog“ in der Sammlung
Domnick auf der Oberensinger Höhe

Wort und Klang bekamen eine ungeheuere Wirkung – Nürtinger Zeitung 21.01.20

Mit einem gekonnt gestalteten Programm hat das Duo Martin Wistinghausen (Bass) und Michael Pelzel (Klavier) am Sonntag in der Sammlung Domnick ein großes Publikum begeistert. Die Matinee stand unter dem Titel „Schubert und die Moderne – Ein Dialog“. Die Musiker haben Franz Schuberts Lieder und Neue Musik verbunden. In diesem Kontext gingen Alte und Neue Musik eine spannende Symbiose ein. „Man hört beides anders und neu“, sagte eine Konzertbesucherin. Das Konzert reihte sich in das Jahresmotto der Sammlung Domnick „unvergänglich schön“ ein. Dazu werde es die unterschiedlichsten Veranstaltungen geben, kündigte Sammlungsleiterin Vera Romeu an. Zugegeben: das Programm war gewagt. Schuberts romantische Lieder mit Neuer Musik in Dialog zu bringen, setzt eine sichere musikalische Intuition voraus. Und diese Intuition, dieses Gefühl für das „unvergänglich Schöne“ haben der Sänger Martin Wistinghausen und Pianist Michael Pelzel. Beide sind international renommierte Künstler, beide treten gleichermaßen für Alte und Neue Musik ein, beide sind gefragte Komponisten. Zuletzt fand in der Zürcher Oper die Premiere des Werks „Last Call“ von Michael Pelzel statt; das Opernhaus hatte den Kompositionsauftrag erteilt. Martin Wistinghausen singt auf Opernbühnen und in Kirchen die großen Oratorien. Beiden ist es ein Anliegen, dem Publikum Alte und Neue Musik zu vermitteln.

Schuberts Lieder, die den Auftakt und den Schluss des Konzerts bildeten, erklangen in der Akustik der Villa Domnick wundervoll. Die tiefe und sonore Bassstimme von Martin Wistinghausen entfaltete eine bewegende Dramatik. Der lyrische Text „Der Sieg“ von Johann Mayerhofer, der eng mit Schubert befreundet war, bekam geheimnisvolle Facetten. Jede Silbe, jedes Wort hatte Gewicht. Pelzel ließ den Klavierpart virtuos und emotional aufgeladen erklingen. Die Interpretation der Wellen im Lied „Auf der Donau“ erfüllten den Raum mit Bewegung. Am Ende des Konzerts ließen „Wanderers Nachtlieder“ von Johann Wolfgang von Goethe leicht erschaudern. Der müde Wanderer, der mit Goethe gleichgesetzt wird, sehnt sich nach Frieden. Die ruhige und souveräne Stimme Wistinghausens begeisterte. Der Klavierpart wurde mit schöner Empathie gestaltet. Die Schubert-Lieder klangen am Ende des Konzerts ganz neu. Nach den zeitgenössischen Kompositionen zum Thema „De Profundis“ fühlte sich die seelische Dimension
der Schubert Lieder intensiver an.

Schuberts Lieder dienten als Klammer für Werke der Neuen Musik, in denen es um die Conditio Humana ging. „De Profundis“, „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir. Herr, höre meine Stimme!“, heißt es in Psalm 130. Der Komponist Jan Kopp, der zum Konzert gekommen war, hat ein „De Profundis“ komponiert. Eine moderne Variante des Psalms erklang. Sänger Wistinghausen hatte seine Stimme eingespielt und sang zur Einspielung. Daraus entwickelte sich eine Art Echo, eine Art Schatten, die die menschliche Stimme verdichtete. Das Wort und der Klang bekamen in dieser Doppelung eine ungeheure Wirkung.

Michael Pelzel spielte anschließend eine Improvisation zu „De Profundis“. Er beugte sich in den Resonanzkörper des Flügels hinein, zupfte die Saiten und schlug sie an. Zart und unheimlich, dumpf und glitzernd ließ er das Klavier klingen. Das introvertierte Stück berührte die Zuhörer. Dem fügte Wistinghausen eine eigene Komposition „De Profundis“ für Stimme, Shruti-Box und Elektronik mit dem gleichnamigen Text von Georg Trakl hinzu. Die bleierne Trauer und die Ödnis der Vergänglichkeit von Trakls Text spitzte sich in Wistinghausens eindringliche Musik zu. Gegen Krieg spielte Michael Pelzel mit dem Klavierwerk „Wichita Vortex Sutra“ von Philipp Glass an. Es klang wie feierliches Glockengeläut, bewegt und ungeheuer dynamisch. Und wurde ruhig und leise wie ein Fließen, das sich schwingend auflöst. Der sehr differenzierte Anschlag Pelzels machte die Musik so transparent und erlebnisreich.

Wistinghausen bot eine sehr experimentelle und spannungsgeladene Interpretation von „Shift 3 – nowhere near“ von Erich Herrmann. Die Spannung wurde durch das darauffolgende folgende Klavierstück „Rain Tree Sketsch II: In Memoriam Olivier Messiaen“ von Toru Takemitsu gelöst. Pelzel gestaltete es sensibel und differenziert. Er gab der großen Stille, die in Takemitsus Werke liegt, einen feinen Klang. Anschließend kehrte das Duo zu Schuberts Lieder zurück und schloss damit den Kreis. Die Matinee war anregend: noch lange blieben die Zuhörer im Gespräch mit den Musikern stehen.